Leseprobe aus Sandra Brown: Blindes Vertrauen

Sandra Brown - Blindes Vertrauen

1. Kapitel

"Gut sehen Sie aus, Mrs. Merritt."

"Ich sehe einfach furchtbar aus."

Vanessa Merritt sah wirklich furchtbar aus, aber Barrie war es peinlich, bei einem unaufrichtigen Kompliment ertappt worden zu sein. Sie versuchte, elegant darüber hinwegzugehen. "Nach allem, was Sie durchgemacht haben, ist es ganz normal, daß Sie etwas mitgenommen aussehen. Die meisten Frauen - mich eingerechnet, besonders mich - wären glücklich, so auszusehen wie Sie, wenn sie sich mies fühlen."

"Danke." Vanessa Merritt rührte lustlos ihren Cappuccino um. Könnten Nerven Geräusche von sich geben, hätten ihre geklappert wie der Kaffeelöffel, den sie nun mit zitternden Fingern auf die Untertasse zurücklegte, "Mein Gott, für eine einzige Zigarette würde ich mich von Ihnen mit glühenden Zangen malträtieren lassen."

Da sie jedenfalls nie in der Öffentlichkeit geraucht hatte, war Barrie überrascht, daß sie sich als Raucherin zu erkennen gab. Andererseits könnte eine Nikotinabhängigkeit ihre nervöse Unruhe erklären.

Ihre Hände hielten keine Sekunde still. Sie schlang ihre Perlenkette um einen Finger, spielte mit den geschmackvollen Brillantsteckern in ihren Ohrläppchen und rückte mehrmals die Ray-Ban-Sonnenbrille zurecht, die die dunklen Ringe um die verschwollenen Augen nicht ganz verbergen konnte.

Vor allem diese bemerkenswerten Augen hatten bisher zu ihrer Schönheit beigetragen. Heute sprachen aus ihren strahlend babyblauen Augen nur Schmerz und Enttäuschung. Sie wirkten wie die Augen eines Engels, der gerade einen ersten grauenerregenden Blick in die Hölle geworfen hat.

"Ich habe gerade keine Zange bei mir", antwortete Barrie. "Aber wie wär's hiermit?" Sie kramte eine unangebrochene Packung Zigaretten aus ihrer großen ledernen Umhängetasche und schob sie über den Tisch.

Für Mrs. Merritt war die Versuchung offenbar groß. Ihr gequälter Blick glitt nervös über die Terrasse des Restaurants. Es war nur ein einziger weiterer Tisch besetzt - dort saßen mehrere Männer -, und im Hintergrund hielt sich nur ein beflissener Ober auf. Trotzdem schob sie die Zigaretten zurück. "Danke, lieber nicht. Aber rauchen Sie ruhig."

"Ich rauche nicht. Zigaretten habe ich nur für den Fall in der Tasche, daß ich einen Interviewpartner entkrampfen muß."

"Bevor Sie ihm den Todesstoß versetzen."

Barrie lachte. "Ich wollte, ich wäre so gefährlich."

"Tatsächlich liegen Ihnen eher die Reportagen, die voll aus dem Leben gegriffen sind."

Sie war angenehm überrascht, daß Mrs. Merritt ihre Arbeiten kannte. "Oh, danke!"

"Einige Ihrer Reportagen waren wirklich außergewöhnlich. Zum Beispiel die über den Aids-Kranken. Und die über eine obdachlose alleinerziehende Mutter von vier Kindern."

"Sie wurde für einen Branchenpreis nominiert." Barrie hielt es für überflüssig zu erwähnen, daß sie ihre Reportage selbst eingereicht hatte.

"Sie hat mich zum Weinen gebracht", sagte Mrs. Merritt.

"Mich auch."

"Tatsächlich sind Sie so gut, daß ich mich schon gefragt habe, warum Sie nicht bei einer der großen Fernsehgesellschaften arbeiten."

"Ich hab' ein paarmal Pech gehabt."

Vanessa Merritt runzelte ihre glatte Stirn. "War da nicht die Sache mit Bundesrichter Green, die ..."

"Zum Beispiel", unterbrach Barrie sie. Sie hatte jedoch keine Lust, hier ihre Mißerfolge aufgezählt zu bekommen. "Warum haben Sie mich angerufen, Mrs. Merritt? Ich bin entzückt, aber auch neugierig."

Vanessa Merritts Lächeln verblaßte allmählich. "Ich habe mich klar genug ausgedrückt, oder? Dieses Gespräch ist kein Interview."

"Ja, ich verstehe."

Aber das stimmte nicht. Barrie Travis hatte nicht die geringste Ahnung, warum Mrs. Merritt sie ganz unerwartet angerufen und zu einer Tasse Kaffee eingeladen hatte. Sie kannten einander seit ein paar Jahren flüchtig, waren aber bestimmt keine Freundinnen.

Selbst der Treffpunkt, den sie gewählt hatte, war merkwürdig. Dieses Restaurant war eins von mehreren am Ufer des Kanals, der den Potomac mit dem Tidal Basin verband. Nach Einbruch der Dunkelheit wimmelte es in den Clubs und Restaurants der Water Street von Gästen, hauptsächlich von Touristen. In einigen Lokalen herrschte auch mittags reger Betrieb, aber am späten Nachmittag, vor allem an einem Werktag, waren die Restaurants praktisch menschenleer.

Vielleicht war dieser Treffpunkt gerade wegen seiner Abgeschiedenheit ausgesucht worden.

Barrie ließ einen Zuckerwürfel in ihren Cappuccino fallen und rührte ihn langsam um, während sie über das eiserne Terrassengeländer hinwegstarrte.

Es war ein trübseliger Tag. Der Himmel war bewölkt, und das Wasser des Kanals kabbelte. Die Motor- und Segelboote im Jachthafen tanzten im grauen Wasser auf und ab. Der Sonnenschirm über ihrem Tisch knatterte in den heftigen Windböen, die den Geruch von Fisch und Regen herantrugen. Weshalb saßen sie an einem so stürmischen Tag im Freien?

Mrs. Merritt rührte in der aufgeschäumten Milch ihres Cappuccinos und nahm endlich einen Schluck. "Jetzt ist er kalt."

"Möchten Sie einen frischen?" fragte Barrie. "Ich kann den Ober rufen."

"Nein, danke. Eigentlich wollte ich diesen schon nicht. Die Einladung zum Kaffee war nur ..." Sie zuckte mit einer Schulter, die einst elegant und schmal, mittlerweile aber ausgesprochen knochig war.

"Eine Ausrede?" hakte Barrie nach.

Vanessa Merritt hob den Kopf. Trotz der Sonnenbrille sah Barrie trostlose Aufrichtigkeit im Blick der anderen. "Ich muß mit jemandem reden."

"Und da sind Sie auf mich gekommen?"

"Genau."

"Weil Sie ein paar meiner Reportagen zum Weinen gebracht haben?"

"Deshalb - und wegen der Beileidskarte, die Sie mir geschrieben haben. Die hat mich berührt, tief berührt."

"Ich bin froh, wenn sie Sie ein bißchen getröstet hat."

"Ich ... ich habe nicht viele gute Freunde. Sie und ich sind ungefähr gleich alt. Ich dachte, Sie könnten ein guter Resonanzboden sein." Als sie den Kopf sinken ließ, fiel ihre kastanienbraune Mähne nach vorn und verdeckte teilweise ihre hohen Wangenknochen und ihr aristokratisches Kinn.

Barrie sprach halblaut weiter: "Meine Karte hat nicht ausdrücken können, wie betroffen mich dieser Schicksalsschlag gemacht hat."

"Doch, das hat sie. Und dafür danke ich Ihnen." Vanessa Merritt zog ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich damit die Augen unter der Sonnenbrille ab. "Ich weiß nicht, wo die noch herkommen", sagte sie und meinte damit die vom Taschentuch aufgesogenen Tränen. "Eigentlich müßte ich schon völlig ausgetrocknet sein."

"Möchten Sie darüber reden?" fragte Barrie behutsam. "Über das Baby?"

"Robert Rushton Merritt", sagte sie nachdrücklich. "Warum vermeidet es jeder, seinen Namen zu nennen? Er hatte einen Namen, Himmel noch mal! Das Baby war drei Monate lang ein Mensch und hatte einen Namen."

"Wahrscheinlich ..."

Aber Mrs. Merritt ließ Barrie nicht zu Wort kommen. "Rushton war der Mädchenname meiner Mutter", erklärte sie. "Es hätte sie gefreut, daß ihr erster Enkel den Namen ihrer Familie trägt."

Beim Sprechen starrte sie auf den aufgewühlten Kanal. Ihre Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne. "Und der Name Robert hat mir schon immer gefallen. Ein geradliniger, schnörkelloser Name ohne irgendwelchen Scheiß."

Dieser vulgäre Ausdruck verblüffte Barrie, weil er überhaupt nicht zu Vanessa Merritts Südstaatenlady-Pevsönüchkeit paßte. Barrie war ihr Leben lang noch nie so um Worte verlegen gewesen. Was wäre unter diesen Umständen passend gewesen? Was sagte man zu einer Frau, die vor kurzem ihr Baby begraben hatte? Hübsche Beerdigung?

"Was wissen Sie darüber?" fragte Mrs. Merritt plötzlich.

Auf diese Frage war Barrie nicht gefaßt. War das eine Herausforderung? Was wissen Sie schon darüber, wie es ist, ein Kind zu verlieren? Was wissen Sie eigentlich überhaupt?

"Meinen Sie ...? Meinen Sie den Tod des Babys ... Roberts Tod?"

"Ja. Was wissen Sie darüber?"

"Über den plötzlichen Kindstod weiß niemand so recht Bescheid, nicht wahr?" fragte Barrie, während sie versuchte, den eigentlichen Sinn dieser Frage zu erfassen.

Mrs. Merritt hatte sich die Sache mit der Zigarette offenbar anders überlegt und riß die Packung auf. Ihre Bewegungen waren die einer Marionette, eckig und ruckartig. Ihre Finger zitterten, als sie die Zigarette an ihre Lippen führte. Barrie angelte rasch ein Feuerzeug aus ihrer Umhängetasche. Vanessa Merritt sprach erst weiter, nachdem sie mehrmals tief inhaliert hatte. Aber die Zigarette beruhigte sie nicht. Statt dessen wurde sie immer erregter.

"Robert hat auf der Seite liegend geschlafen - von einem kleinen Kissen gestützt, das ich ihm wie empfohlen untergeschoben hatte. Alles ist so schnell passiert! Wie konnte ..." Ihre Stimme versagte.

"Machen Sie sich deswegen Vorwürfe? Hören Sie mir bitte gut zu, Mrs. Merritt." Barrie griff über den Tisch, nahm ihr die Zigarette aus den Fingern und drückte sie im Aschenbecher aus. Dann nahm sie Vanessa Merritts kalte Hände zwischen ihre. Diese impulsive Geste wurde von den Männern am anderen Tisch registriert.

"Robert ist dem Krippentod zum Opfer gefallen. Jedes Jahr verlieren Tausende von Eltern ein Baby durch plötzlichen Kindstod, und alle stellen anschließend ihre elterlichen Fähigkeiten in Frage. Es liegt in der menschlichen Natur, angesichts einer Tragödie die Schuldfrage zu stellen, deshalb belasten die betroffenen Eltern sich mit Schuldgefühlen. Aber in diese Falle dürfen Sie nicht tappen. Wenn Sie anfangen, sich für den Tod Ihres Babys verantwortlich zu fühlen, kommen Sie unter Umständen nie darüber hinweg."

Mrs. Merritt schüttelte nachdrücklich den Kopf. "Nein, das verstehen Sie nicht. Roberts Tod war meine Schuld." Hinter der Sonnenbrille irrte ihr Blick umher. Sie entzog Barrie ihre Hände und berührte auf ihrer rastlosen Suche nach Ruhe ihre Wangen, die Tischplatte, ihren Schoß, den Kaffeelöffel und ihren Hals. "Die letzten Monate meiner Schwangerschaft waren unerträglich."

Einen Moment lang legte sie sich die Hand auf den Mund, als wäre das letzte Schwangerschaftsdrittel unaussprechlich schmerzhaft gewesen. "Und dann ist Robert auf die Welt gekommen. Aber statt daß es sich, wie ich gehofft hatte, gebessert hätte, ist alles nur noch schlimmer geworden. Ich konnte nicht ..."

"Was konnten Sie nicht? Ihrer neuen Verantwortung gerecht werden? Alle jungen Mütter haben Wochenbettdepressionen und fühlen sich überfordert", versicherte Barrie ihr.

Sie knetete ihre Stirn mit den Fingerspitzen. "Sie verstehen nicht", wiederholte sie angestrengt flüsternd. "Niemand versteht es. Es gibt keinen Menschen, dem ich es erzählen kann. Nicht einmal meinem Vater. O Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll

Ihr Zusammenbruch war so offenkundig, daß die Männer am anderen Tisch sich umdrehten, um sie anzustarren. Auch der Ober näherte sich mit besorgter Miene.

Barrie sprach rasch und halblaut. "Vanessa, bitte reißen Sie sich zusammen! Wir werden beobachtet."

Vielleicht weil Barrie sie mit dem Vornamen angesprochen hatte, verkehrte sich der emotionale Kollaps schlagartig ins Gegenteil. Ihre nervösen Hände hielten plötzlich still, und ihre Tränen versiegten. Sie trank den kalten Cappuccino, den sie noch vor kurzem abgelehnt hatte, mit einem Zug aus und tupfte sich anschließend ihre farblosen Lippen zierlich mit der Serviette ab. Sprachlos beobachtete Barrie diese Verwandlung.

Wieder ganz gefaßt, sagte sie mit kühler, beherrschter Stimme: "Unser Gespräch war völlig inoffiziell, nicht wahr?"

"Absolut", bestätigte Barrie. "Das haben Sie deutlich gesagt, als Sie mich angerufen haben."

"Angesichts Ihrer und meiner Position ist mir jetzt klar, daß es ein Fehler war, dieses Treffen zu vereinbaren. Ich bin seit Roberts Tod nicht mehr ich selbst. Ich dachte, ich müßte darüber reden, aber das war ein Irrtum. Darüber zu reden macht mich nur noch verzweifelter."

"Sie haben Ihr Baby verloren. Das gibt Ihnen alles Recht, durcheinander zu sein." Barrie legte ihr eine Hand auf den Arm. "Seien Sie nachsichtiger mit sich selbst. Der plötzliche Kindstod passiert einfach."

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah Barrie direkt in die Augen. "Glauben Sie wirklich?"

Dann setzte Vanessa Armbruster Merritt, die First Lady der Vereinigten Staaten, ihre Ray Ban wieder auf, hängte sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter und stand auf. Die Secret-Service-Agenten am anderen Tisch kamen hastig auf die Beine. Die drei Kollegen, die außer Sichtweite am Terrassengeländer Wache gehalten hatten, stießen zu ihnen.

Die Gruppe umringte die First Lady und begleitete sie von der Restaurantterrasse zu einer bereitstehenden Limousine.

 

2. Kapitel

Barrie wühlte in ihrer Umhängetasche nach Kleingeld für den Getränkeautomaten. "Hat jemand ein paar Vierteldollars, die er mir leihen kann?"

"Nicht für Sie, Schätzchen", antwortete ein Videoredakteur, der eben vorbeiging. "Mir haben Sie schon fünfundsiebzig Cent abgeluchst."

"Sie kriegen sie morgen zurück. Ehrenwort."

"Vergessen Sie es, Wackelpopo."

"Schon mal was von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gehört?" rief sie ihm nach.

"Klar. Ich hab' dafür gestimmt", antwortete er über die Schulter hinweg. Barrie gab es auf, aus den Tiefen ihrer Tasche irgendwelche Münzen zutage fördern zu wollen, da ihr eine Diätlimonade die ganze Mühe nicht wert schien.

Sie schlängelte sich in der Nachrichtenredaktion des Fernsehsenders durch das Labyrinth aus Glaskästen, bis sie ihren eigenen erreicht hatte. Ein Blick auf ihren Schreibtisch hätte genügt, um einen Ordnungsfanatiker zum Selbstmord zu treiben. Sie knallte ihre Umhängetasche auf die Schreibtischplatte und wischte dabei drei Zeitschriften zu Boden.

"Lesen Sie je eine davon?"

Die vertraute Stimme entlockte Barrie ein Ächzen. Howie Fripp war der Chef vom Dienst, ihr unmittelbarer Vorgesetzter und eine fürchterliche Nervensäge.

"Klar lese ich sie", log Barrie. "Von der ersten bis zur letzten Seite."

Sie hatte mehrere Zeitschriften abonniert. Diese Magazine kamen regelmäßig und bildeten auf ihrem Schreibtisch turmhohe Stapel, bis Barrie sie irgendwann wegwerfen mußte - meistens ungelesen. Aber sie versäumte es nie, ihr Monatshoroskop im Cosmopolitan zu lesen. Das war ungefähr alles, was sie in den Zeitschriften las, aber sie war schon aus Prinzip nicht bereit, ihre Abonnements zu kündigen. Alle guten Fernsehjournalisten waren nachrichtensüchtig und lasen, was ihnen unter die Finger kam.

Und sie war eine gute Fernsehjournalistin. Das war sie wirklich.

"Plagt Sie denn nicht das schlechte Gewissen, wenn Sie daran denken, daß Tausende von Bäumen sterben müssen, nur um Sie mit Lesestoff zu versorgen, den Sie dann doch nicht lesen?"

"Howie, Sie plagen mich. Außerdem sind Sie gerade der Richtige, um Umweltbewußtsein zu predigen, wo Sie mit Ihren vier Päckchen Zigaretten am Tag die Atmosphäre vergiften."

"Von meinen Fürzen ganz zu schweigen."

Sie verabscheute sein bösartiges kleines Grinsen fast so sehr wie die Kleingeister in der Geschäftsleitung von WVUE, einem unabhängigen Fernsehsender mit niedrigem Budget und geringem Niveau, der schwer zu kämpfen hatte, um sich in Washington, D. C, gegen die Fernsehgiganten zu behaupten. Sie hatte um Geld betteln müssen, um jene Features produzieren zu können, die die First Lady gelobt hatte. Sie hatte Ideen für viele weitere. Aber die Geschäftsleitung des Senders, auch Howie, stellte sich taub. Ihre Ideen wurden von Männern blockiert, denen es an Vision, Talent und Energie mangelte. Sie gehörte nicht hierher.

Ist das nicht genau die Überzeugung, an die sich Häftlinge klammern?

"Schweigen wir lieber von Ihren Fürzen, Howie."

Sie ließ sich in den Schreibtischsessel fallen, grub mit den Fingern Tunnels in ihr Haar und hielt es von ihrem Gesicht weg. Ihre Frisur war von Anfang an nicht sehr elegant gewesen, aber der feuchte Wind auf der Restaurantterrasse hatte sie völlig verwüstet.

Ein merkwürdiger Treffpunkt

Noch merkwürdiger war unser Gespräch.

Welchen Zweck hat sie damit verfolgt?

Auf der Rückfahrt zum Sender hatte Barrie sich jedes einzelne Wort ihres Gesprächs mit der First Lady ins Gedächtnis zurückgerufen. Sie hatte jeden Tonfall von Vanessa Merritts Stimme analysiert, jede ihrer Handbewegungen beurteilt, ihre Körpersprache eingeschätzt und über die beunruhigende letzte Frage nachgedacht, die gleichzeitig ihr Abschiedsgruß gewesen war. Trotzdem konnte sie noch immer nicht genau sagen, was eigentlich passiert war. Oder was nicht passiert war.

"Haben Sie Ihre e-mail schon gelesen?" Howies Frage riß sie aus ihren Gedanken.

"Noch nicht."

"Dieser Tiger, der aus einer Jahrmarktstierschau ausgebrochen ist, der ist wieder da. Er war überhaupt nicht ausgebrochen. Ergo gibt's keine Story."

"O neiiin!" sagte sie dramatisch. "Und ich hatte mich so darauf gefreut, darüber zu berichten."

"Hey, das hätte 'ne große Story werden können. Das Tier hätte ein Kind oder sonstwen fressen können." Er schien dieser verpaßten Gelegenheit aufrichtig nachzutrauern.

"Es war ein beschissener Auftrag, Howie. Die beschissenen Aufträge kriege immer ich. Weil Sie mich nicht mögen oder weil ich eine Frau bin?"

"Himmel, nicht schon wieder die alte feministische Leier! Was ist los - PMS oder was?"

Sie seufzte. "Howie, Sie sind ein hoffnungsloser Fall."

Hoffnungslos. Das war's! Vanessa Merritt hatte hoffnungslos gewirkt.

Um in Ruhe über diesen neuen Einfall nachdenken zu können, sagte Barrie ungeduldig: "Hören Sie, Howie, wenn Sie nichts Bestimmtes mit mir besprechen wollen, habe ich hier jede Menge zu tun, wie Sie sehen."

Howie trat an die Trennwand zwischen ihrer Bude - so bezeichnete sie ihren engen Glaskasten - und der nebenan. Unabhängig von der Jahreszeit trug er kurzärmelige weiße Hemden. Unweigerlich. Unweigerlich mit schwarzen Hosen, die unweigerlich glänzten. Seine Krawatten waren Schnellbinder. Das heutige Exemplar war besonders scheußlich und hatte einen Fleck über der ausgefransten Unterkante, die nur bis zur Mitte seines gewaltigen Brustkorbs reichte, der in keinem Verhältnis zu seinem fast nicht vorhandenen Hintern und seinen spindeldürren O-Beinen stand.

Er verschränkte die Arme über der Brust. "Eine Story wäre nett, Barrie. Sie wissen schon - eine Story. Wofür wir Sie bezahlen und was wir, mehr oder weniger täglich, von Ihnen erwarten. Wie wär's mit einer für die heutigen Abendnachrichten?"

"Ich hab' an einer gearbeitet, die sich zerschlagen hat", murmelte sie, während sie ihren Computer anlaufen ließ.

"An welcher denn?"

"Wozu noch darüber diskutieren, wenn sie sich zerschlagen hat?"

Vanessa Merritt hatte gesagt, die letzten Monate ihrer Schwangerschaft seien unerträglich gewesen. Selbst wenn sie nicht diesen starken, anschaulichen Ausdruck verwendet hätte, hätte allein ihr Verhalten gezeigt, daß sie eine sehr schwere Zeit hinter sich hatte. Und nach der Geburt war das "Unerträgliche" noch schlimmer geworden. Aber was war so unerträglich gewesen? Und warum hat sie es mir erzählt?

Howie schwafelte weiter, ohne zu merken, daß sie nur mit halbem Ohr zuhörte. "Ich verlange weiß Gott keine Livereportage über jemand, der den Kopf runtergeschossen kriegt, oder die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mars oder irgendeinen Extremisten der Nation of Islam, der den Papst im Vatikan als Geisel genommen hat. Eine einfache kleine Story tät's schon. Irgendwas. Sechzig Sekunden, um die Zeit zwischen dem zweiten und dritten Werbeblock auffüllen zu helfen. Mehr verlange ich ja gar nicht."

"Sehr kurzsichtig von Ihnen, Howie", meinte Barrie. "Wenn das Ihre beste Rede zur Mitarbeitermotivierung ist, wundert es mich nicht, daß Ihre Untergebenen so unbefriedigende Arbeit abliefern."

Er ließ die Arme sinken und richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter siebenundsechzig auf, die er nur mit Einlagen in seinen abgelatschten Oxfords erreichte. "Wissen Sie, was Ihr Problem ist? Sie haben zu hochgesteckte Ziele, Sie wollen eine Diane Sawyer sein. Nun, hier ist 'ne Kurzmeldung für Sie: Sie sind keine. Und Sie werden nie einen berühmten Filmregisseur heiraten oder ein eigenes Nachrichtenmagazin bekommen. Sie werden in unserer Branche nie Ansehen und Glaubwürdigkeit erringen - weil Sie eine Versagerin sind, was die ganze Branche weiß. Warten Sie also nicht länger auf die ganz große Story, geben Sie sich mit solchen zufrieden, denen Sie und Ihr beschränktes Talent gewachsen sind. Mit Sachen, die ich senden kann. Okay?"

Barrie hatte ihn unmittelbar nach den "hochgesteckten Zielen" ausgeblendet. Zum ersten Mal hatte sie diese Tirade an dem Tag gehört, an dem er sie eingestellt hatte - in seiner Herzensgüte, hatte er behauptet. Außerdem, hatte er hinzugefügt, solle er auf Wunsch der Geschäftsleitung einen weiteren "Rock" einstellen, und Barrie sehe "okay" aus. Diesen Quatsch hatte sie seither an fast jedem Werktag gehört. Drei Jahre lang.

In ihrer E-Mail fand sie einige Mitteilungen, aber nichts, was nicht Zeit bis später hatte. Sie schaltete ihren Computer aus und stand auf. "Für heute abend ist es schon zu spät, Howie. Aber morgen kriegen Sie 'ne Story von mir. Ehrenwort." Sie griff nach ihrer Umhängetasche und hängte sie sich wieder über die Schulter.

"Hey! Wohin wollen Sie?" rief er hinter ihr her, als Barrie an ihm vorbeirauschte.

"In die Bibliothek."

"Wozu?"

"Recherchen, Howie."

Als sie am Getränkeautomaten vorbeikam, schlug sie mit einer Faust dagegen. Prompt rollte ein Diet Coke ins Ausgabefach.

Sie betrachtete das als gutes Zeichen.

Textauszug aus
Sandra Brown: Blindes Vertrauen
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

zurück

nach obendrucken