Rezension zu Sandra Browns "Crush [Gier]"

Nervenkitzel und prickelnde Erotik

von Andrea Thumm

Sandra Brown - Crush - Gier

"Keine Familie. Kein Geliebter. Nicht mal ein Ex- oder Möchtegerngeliebter", bilanziert die erfolgreiche und angesehene Chirurgin Rennie Newton in Sandra Browns Psychothriller "Crush - Gier" nüchtern ihr Single-Leben. Dr. Newton ist eine bildhübsche, aber unnahbare Frau. Ihre Eltern leben nicht mehr. Freundschaftliche Kontakte pflegt sie überwiegend im beruflichen Umfeld. Sorgsam achtet sie darauf, ihre Privatsphäre vor der Außenwelt abzuschirmen. Die ehrgeizige Ärztin geht ganz in ihrer Arbeit am General Hospital in Fort Worth, Texas, auf.

Umso irritierter ist die Mittdreißigerin, als sie eines Abends auf ihrem Wohnzimmertisch einen üppigen Strauß Rosen in einer wertvollen Kristallvase vorfindet. "Fünf Dutzend perfekte Knospen kurz vor der Blüte. Selbst von weitem sahen sie samtig aus. Wohlriechend. Teuer." In dem Blumenarrangement steckt eine schlichte Karte, auf der nur ein einziger getippter Satz steht: "Ich bin verrückt nach dir." Rennie ist entsetzt. Wer ist der mysteriöse Verehrer, der es gewagt hat, in ihr wohl gehütetes Privatleben einzudringen und der sich nicht zu erkennen gibt? Und wie, zum Teufel, ist er hereingekommen? Die Verängstigte kann keine Spuren eines Einbruchs entdecken. Da sie der Polizei misstraut, beschließt sie, diese nicht zu informieren. Ihre gewohnte Gelassenheit und Selbstsicherheit ist jedoch dahin.

 

Kaltblütiger Mord

Doch bereits vor dem Auftauchen ihres geheimnisvollen Verehrers hatte ihr geordnetes, aus ihrer Sicht wohltuend gleichförmiges Leben Risse bekommen. Ihr Kollege Dr. Lee Howell wurde auf hinterhältige und kaltblütige Weise ermordet. Und dies kurz nachdem er die Position des Chefarztes in ihrer Klinik übernommen hatte - eine Stelle, auf die Rennie berechtigte Hoffnungen gehegt hatte.

Ein unbekannter Anrufer hatte Howell wegen eines angeblichen Notfalls mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und auf dem Parkplatz der Klinik niedergestochen. Die Tatwaffe, ein Küchenmesser, steckte noch in der Leiche. Vom Täter fehlt jede Spur, aber die Polizei nimmt Rennie als mögliche Auftraggeberin des Mordes ins Visier, denn sie hat ein Motiv.

Mehr als einmal muss sich die kühle Ärztin den hartnäckigen und bohrenden Fragen des Ermittlers Oren Westley stellen. Der Detective beschließt, seinen vor mehr als einem Jahr vom Dienst suspendierten Ex-Kollegen Wick Threadgill auf die Verdächtige anzusetzen. Beide verbindet eine Freundschaft wie sie gegensätzlicher nicht sein könnte. Oren "besaß ein ausgeglichenes Temperament, mit dem er mehr als einmal Wicks stürmischeres in Zaum gehalten hatte. Oren ging methodisch vor. Wick impulsiv. Oren liebte nur seine Frau und seine Kinder. Wick war eingefleischter Single". Der beurlaubte Detective lebt in einem Zustand zunehmender Verwahrlosung in einem heruntergekommenen Strandhaus im fernen Galveston, Dallas, in den Tag hinein. Dennoch ist der verbitterte Wick zunächst keinesfalls bereit, seinen Müßiggang aufzugeben und nach Fort Worth zurückzukommen. Erst als Oren ihm den Namen des Mannes nennt, der unter Verdacht steht, in Rennies Auftrag gemordet zu haben, wird Wick hellhörig und sagt seine Mitarbeit zu. Es ist Ricky Roy Lozada, ein Mann, mit dem der ehemalige Polizist selbst noch eine Rechnung offen hat. Gerade die Tatsache, dass sich am Tatort außer dem Tatwerkzeug keine weiteren Spuren finden lassen, weist für Oren wie für Wick darauf hin, dass der intelligente und skrupellose Berufskiller seine Finger im Spiel hatte. "Es ist seine Art, jemanden zu töten. Lautlos. Schnell. Und ohne die Waffe zu entfernen."

Zahlreiche Auftragsmorde gehen bereits auf Lozadas Konto. Auch Wicks Bruder Joe fiel diesem Killer während polizeilicher Ermittlungen zum Opfer. Erst vor einer Woche war Lozada aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Ein Geschworenengericht hatte den wegen eines grausamen Mordes Angeklagten erneut aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Oren findet ein prekäres Detail heraus: Rennie Newton war als Sprecherin der Geschworenen aufgetreten. Mit ihrer Entschiedenheit und ihren Argumenten hatte sie die Mitgeschworen maßgeblich in ihrer Entscheidung beeinflusst. Außerdem hatte Lozada ein auffälliges Interesse an Rennie gezeigt. Die Polizei vermutet eine geheime Übereinkunft zwischen dem angeklagten Auftragsmörder und der Sprecherin.

 

Die Eiskönigin

Von einem leerstehenden Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus beschattet Wick im Wechsel mit Oren und einem weiteren Kollegen rund um die Uhr die Verdächtige, die sich "mit fanatischer Selbstdisziplin an ihren strikt durchorganisierten Tagesablauf" hält. Er durchsucht ihre Wohnung und entdeckt die Grußkarte des geheimnisvollen Verehrers in Rennies Nachttisch. Bis auf das Schlafzimmer ist ihr Haus penibel aufgeräumt und strahlt eine ähnliche Kühle aus wie seine Besitzerin. "Ordentlich. Pingelig. Krankhaft sauber", urteilt Wick. Wer verbirgt sich hinter der Fassade der korrekten und selbstkontrollierten "Eiskönigin"?

Bereits nach kurzer Zeit fühlt Wick sich zu der attraktiven, aber unterkühlt wirkenden Verdächtigen hingezogen und versucht eigenmächtig, Rennie näher kennen zu lernen. Diese lässt ihn jedoch eiskalt abblitzen und reagiert auf seine beharrlichen Annäherungsversuche mit unerschütterlicher Ablehnung. In einem heftigen Streit wirft Freund und Kollege Oren Wick Befangenheit vor und dass er mit seinem Verhalten die Ermittlungen gefährde. Ein Vorwurf, der Wick tief trifft, da er wegen unprofessionellen Verhaltens von seiner Arbeit beurlaubt worden war. Sein hassgetriebenes und unüberlegtes Vorgehen gegenüber Lozada bei der Untersuchung des Mordes an seinem Bruder vor einigen Jahren hatte eine Verurteilung dieses Schwerverbrechers unmöglich gemacht. Eine Wunde, die sowohl Oren, der mit Joe gut befreundet gewesen war, als auch Wick immer noch schmerzt. Wick sinnt auf Rache für seinen toten Bruder und hofft auf die eigene Rehabilitation.

 

Schockierendes Geheimnis

Als er seine Ermittlungen auf Rennie Newtons Heimatort Dalton ausdehnt, macht Wick eine überraschende Entdeckung. Die zurückhaltende und integer wirkende Ärztin hatte in ihrer Jugend den Ruf eines sexuell freizügigen Mädchens, das den Männern scharenweise den Kopf verdrehte. Und er erlangt Kenntnis von einem einschneidenden Erlebnis in ihrem Leben: Mit 16 Jahren soll Rennie kaltblütig einen zudringlichen Geschäftspartner ihres Vaters getötet haben, wie der mittlerweile bis über beide Ohren verliebte Wick bestürzt herausfindet.

Wenn Rennie damals schon einmal gemordet hat, warum sollte sie davor zurückscheuen, einen unliebsamen Konkurrenten um die begehrte Position des Chefchirurgen aus dem Weg zu räumen? Detective Oren Wesley sieht in Wicks Erkenntnissen weitere Indizien für die Schuld der Verdächtigen. Wick will jedoch nicht glauben, dass die Chirurgin etwas mit dem Verbrechen an Dr. Howell zu tun hat. Fasziniert von ihrer widersprüchlichen Persönlichkeit und neugierig darauf herauszufinden, was sich hinter ihrer Maske aus Selbstbeherrschung verbirgt, wirbt er mit seinem "lausbubenhaften" Charme und seinem sarkastischen Humor wortgewandt weiter um sie. "Wenigstens ein einziges Mal wollte er die wahre Rennie Newton sehen."

Selbst als Rennie ihrer lange unterdrückten Zuneigung - dem "unverkennbaren Ziehen und Flattern in der Magengrube" - für den gutaussehenden Wick nachgibt, öffnet sie sich ihm nicht völlig. Auch reagiert sie auf seine zärtlichen Annäherungsversuche seltsam unbeholfen. "Sie schrak vor jeder Berührung zurück, aber nicht, weil er ihr unsympathisch war, das meinte er zu spüren. Die Reaktion war ein konditionierter Reflex, den sie sich antrainiert hatte." Was hat sie so verletzt, dass sie niemandem mehr vertrauen kann? Wick bleibt Rennies Verhalten unverständlich.

 

Wahnhafte Fixierung

Mittlerweile hat sich Lozada der bestürzten Rennie am Telefon als Absender des Blumengrußes zu erkennen gegeben. Regelmäßig terrorisiert er sie fortan mit Telefonanrufen, vor denen sie sich fürchtet und ekelt. "Seine Stimme hatte etwas Körperliches an sich, das ihr das Gefühl gab, er streichelte sie bei jedem einzelnen Wort." Der Killer hat seine perverse Freude an Rennies Furcht: "Ihr leiser, hektischer Atem macht Lozada ganz heiß. Nur in Todesangst oder beim Sex begannen Frauen so zu keuchen."

Als Lozada beobachtet, dass sich die unterkühlte Chirurgin und der hitzköpfigen Detective immer mehr zu einander hingezogen fühlen, schäumt der Verschmähte vor Wut. Seit der Gerichtsverhandlung hat er sich in die Wahnvorstellung hineingesteigert, dass Rennies Urteil von einer verborgenen Zuneigung ihm gegenüber geleitet wäre. Eine schöne und kluge Frau, die ihn liebt, ist das einzige, was ihm zu seiner Zufriedenheit noch fehlt - und er noch nicht besitzt. Denn Lozada wohnt in einem vor Luxus nur so strotzenden Penthouse mit seinen Lieblingen: Skorpionen, so tödlich wie ihr Besitzer. Täglich rasiert er sich am ganzen Körper, um selbst in seiner Wohnung keine DNS-Spuren zu hinterlassen. Sein bisheriges Begehren und zudringliches Werben schlägt um in einen beherrschenden Gedanken, der Lozada nicht mehr aus dem Kopf geht: wie er seinen Nebenbuhler Wick auf besonders originelle Weise beseitigen kann. "Wick Threadgills Tod sollte die Krönung seines Lebenswerks werden." Danach will der Killer Rennie, die sich seiner Liebe nicht als würdig erwiesen hat, gefügig machen, notfalls mit Gewalt.

Lozada gelingt es tatsächlich, den verhassten Ermittler in einem Motelzimmer mit einem Schraubenzieher niederzustechen. Wick bricht blutüberströmt zusammen. Nun hat der Verbrecher freie Bahn, sich dem Objekt seiner Begierde zu bemächtigen ... Wird Lozada erneut ungeschoren davon kommen? Findet die gerade aufkeimende Liebe zwischen Wick und Rennie hier ihr jähes Ende?

 

Spannende und emotionsgeladene Dreiecksbeziehung

Sandra Brown ist mit "Crush" - Gier" eine spannende und emotionsgeladene Dreiecksgeschichte gelungen. Sie entwickelt ihre überzeugenden Figuren Rennie Newton und Wick Threadgill als sehr gegensätzliche Charaktere, die sich vielleicht gerade deswegen gegenseitig anziehen. Ihre Schwächen machen sie so menschlich. Als Rennie und Wick sich schließlich nahe kommen, knistert es geradezu vor Leidenschaft. Die Autorin schwelgt in unverblümten erotischen Details. "Seine Finger umgriffen ihre Hüfte fester und zogen sie näher heran. Glühende Hitze explodierte in ihrem Unterleib." Wie sich im Verlauf der Handlung herausstellt, haben beide etwas Entscheidendes gemeinsam: eine dunkle, schmerzliche Vergangenheit. Sie tragen schwer an einer persönlichen Schuld und hoffen durch ihr Handeln Erlösung zu erlangen. Mit dem schmierigen und selbstgefälligen Kriminellen Ricky Lozada ist der Autorin das Prachtexemplar eines Soziopathen gelungen - das personifizierte Böse. Lozadas kalte Gedankenwelt lässt einen frösteln. Sandra Brown gibt dem Leser einen tiefen Einblick in die Psyche ihrer Figuren und enthüllt gekonnt Stück für Stück deren Vorleben und damit die Motivation für ihr Handeln.

Geschickt greift Brown immer wieder einen Handlungsfaden auf und entwickelt ihn weiter, um ihn im spannendsten Moment zu unterbrechen und eine Parallelhandlung weiterzuführen, die den Leser erneut gefangen nimmt. Diese Erzähltechnik erzeugt eine ganz eigene Dynamik und steigert durch immer wieder eingestreute Andeutungen die Neugierde. Der Psychothriller steckt voller unerwarteter Wendungen und fasziniert durch die dichte Charakterisierung seiner Figuren - bis zum überraschenden Showdown am Schluss, der auf elegante Weise alle Erzählstränge zusammenführt. "Ein raffiniert angelegtes, atemberaubend erzähltes Mörderpuzzle", kommentiert People begeistert.

 

Triumph des Guten über das Böse

Ihre vielschichtigen und gegensätzlichen Charaktere die Handlung von "Crush - Gier" entwickeln zu lassen, bereitete Sandra Brown viel Freude. Mit ihrer Hauptfigur Rennie verbindet sie nach eigener Aussage der zwanghafte Hang zur Ordnung. Weite Teile der Romanhandlung finden in Fort Worth in Texas statt, wo die Autorin aufgewachsen ist und noch heute lebt. In ihrer Beschreibung der örtlichen Gegebenheiten mischen sich dabei Realität und Fiktion. Im Schreiben kann Sandra Brown sich völlig verlieren. "Manchmal komme ich nach Hause und ich kann mich nicht erinnern, mein Büro verlassen zu haben und auch nicht hierher gefahren zu sein, weil ich immer in dieser anderen Welt bin. Mir fällt es sehr schwer, in die reale Welt zurückzukehren, nachdem ich den ganzen Tag in einer anderen verbracht habe", so die routinierte Autorin. Mit ihren Büchern möchte sie einen Mikrokosmos des Lebens schaffen, in dem das Gute letztlich über das Böse triumphiert.

Die herausragende Meisterin ihrer Genre, der Liebes- und Kriminalromane, erzielte mit "Trügerischer Spiegel" Mitte der 80er Jahre ihren internationalen Durchbruch. In Deutschland landete sie mit dem Thriller "Die Zeugin" 1996 den ersten Bestseller. Über 50 Romane, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden, kamen während ihrer bisher 25-jährigen Schriftstellerkarriere unter die Top Ten der prestigeträchtigen New York Times-Bestseller. "Crush - Gier" erreichte sogar Platz 1 der Liste. Als Sandra Brown, aber auch unter den Pseudonymen Laura Jordan, Rachel Ryan und Erin St. Claire hat die Autorin für verschiedene Verlage geschrieben und damit Millionen weibliche und männliche Leser begeistert.

 

Autorin mit vielseitigem Schreibstil

Glühender Hass, wahnhafte Liebe und ungebremste Leidenschaft, emotionaler Sprengstoff mit bestechenden Charakteren - die mehrfach preisgekrönte Autorin Sandra Brown hat in "Crush - Gier" einmal mehr ihr Talent für packende Psychothriller und für erotische Liebesgeschichten und damit ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Publishers Weekly jubelt: "Ein Psychothriller mit Bestseller-Garantie, Sandra-Brown-Fans werden hingerissen sein!" Auch für Neulinge ein fesselnder Schmöker, z. B. für den nächsten Urlaub in der Sonne - aber vergessen Sie nicht, sich von Zeit zu Zeit einzucremen!

Andrea Thumm
München, März 2005

zurück

nach obendrucken