
von Bianca Reineke

Wenn der schlimmste Alptraum wahr wird, sich auch der letzte Ausweg als Sackgasse entpuppt und die Angst vor dem Tod immer größer wird, dann entwickeln manche Frauen eine unglaubliche Kraft, die sie aus der drohenden Agonie reißt. Sie verspüren einen unbändigen Lebenswillen, mit dessen Hilfe sie sich aus der tödlichen Gefahr befreien können.
So sind sie gestrickt, die Heldinnen in den Romanen der US-Amerikanerin Sandra Brown, die mit ihrer gelungenen Mischung aus spannendem Thriller und erotischer Liebesgeschichte den Geschmack einer großen, weltweiten Leserschaft trifft.
Wer sonst spinnt derart faszinierende und fesselnde Krimiplots, lässt zugleich den bunten Mikrokosmos einer amerikanischen Kleinstadt lebendig werden, in der sich eine Vielzahl Verdächtiger tummelt - und würzt das Ganze obendrein mit einer packenden Liebesgeschichte, in der nie ganz klar ist, ob der begehrenswerte Held nicht vielleicht doch ein eiskalter Killer ist?
Auch "Eisnacht" handelt von einer toughen und attraktiven Powerfrau, die sich in einen gut aussehenden Fremden verliebt, dessen wahre Identität sich auch dem Leser nie so recht erschließen will.
Sandra Brown verblüfft gleich zu Beginn des Buches mit einer schockierenden Offenbarung, die den brutalen fünffachen Mädchenmörder klar zu identifizieren scheint. Und so blättert selbst der erfahrene Krimileser immer wieder ungläubig zum ersten Kapitel zurück, um ganz sicherzugehen, dass er nicht doch ein winziges Detail überlesen hat.
Es ist Winter und in den einsamen Bergen North Carolinas fällt soviel Schnee wie seit Jahren nicht mehr. Lilly Martin und Dutch Burton sind frisch geschieden und damit beschäftigt, die gemeinsame Gebirgshütte auszuräumen. Sie wollen endlich einen Schlussstrich unter ihre traurige gemeinsame Vergangenheit ziehen.
Dutch arbeitet als Polizeichef im benachbarten Cleary und ist seit zwei Jahren auf der Suche nach einem eiskalten Killer, der fünf Frauen auf dem Gewissen und dabei keine einzige Spur hinterlassen hat. Nicht einmal seine Opfer wurden gefunden. Der einzige Hinweis auf die Verbrechen ist ein blaues Band, das stets an der Stelle hängt, wo die Frauen zum letzten Mal gesehen wurden. Niemand hat die geringste Ahnung, wer "Blue" - so hat die Bevölkerung den unheimlichen Mörder getauft - sein könnte, und so scheinen alle männlichen Bewohner des kleinen Örtchens Cleary verdächtig. Dutch kann auch keinen Erfolg bei der Suche verzeichnen, und so lebt die Stadt weiterhin in Angst und Schrecken.
Wutentbrannt und gekränkt stürmt Dutch aus der Hütte, nachdem Lilly seinen letzten Versuch, ihre Beziehung doch noch zu retten, rigoros abgeschmettert hat. Lilly bleibt alleine zurück. Etwa zur gleichen Zeit macht sich das FBI endlich auf den Weg nach Cleary, um "Blue" zu überführen - und auch der Mörder begibt sich erneut auf die Pirsch.
Lilly schafft es nicht mehr rechtzeitig vor einem großen Schneesturm in Richtung Stadt und überfährt auf glatter Strasse mit ihrem Auto beinahe einen Wanderer. Der durch den Unfall stark verletzte Ben Tierney und die schuldbeladene Lilly schleppen sich daraufhin gemeinsam zurück in die kalte Hütte. Schnell werden sie von den ungeheuren Schneemassen eingeschlossen. Tierney und Lilly sind keine Fremden füreinander. Ein Jahr zuvor hatten sie sich bei einem Raftingkurs kennen gelernt - und fühlten sich schon damals stark zueinander hingezogen.
Doch ihr jetziges Zusammentreffen steht unter keinem guten Stern. Lilly hat bald allen Grund, zu glauben, dass der Abenteurer und Reisejournalist Tierney "Blue" ist. Unglücklicherweise hat die asthmakranke Lilly im Zuge des Autounfalls ihre überlebenswichtigen Medikamente verloren. Mühsam kämpft sie nun gegen die aufsteigende Panik und einen lebensgefährlichen Anfall an. Tierney, der unter einer blutenden Kopfwunde, rasenden Schmerzen und den Folgen einer Gehirnerschütterung leidet, ahnt schon bald, dass Lilly ihn verdächtigt; und beginnt sich zu wehren.
Es entwickelt sich ein tödliches Katz- und Mausspiel zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern, das an Brisanz nicht zu übertreffen ist, da noch immer eine große Anziehung zwischen den beiden besteht. In klirrender Kälte und totaler Abgeschiedenheit werden Lilly und Ben immer mehr von ihren Gefühlen überwältigt. Lilly ist unsicher. Kann ihre Menschenkenntnis sie wirklich derart getäuscht haben? Und auch Tierneys Rolle ist nicht klar. Er verbirgt etwas und hat ein dunkles Geheimnis, das er nicht preisgeben will. Doch ist er wirklich ein fünffacher Mörder?
In Cleary wird Lillys Exmann Dutch inzwischen klar, dass seine Ex-Frau im Schneesturm festsitzt. Von einer kryptischen Nachricht auf seinem Handy, die ihm Lilly noch senden konnte, weiß er auch, dass Ben Tierney bei ihr ist. Rasende Eifersucht blendet bei Dutch den klaren Verstand und die nüchterne Vernunft aus. Er setzt alles daran, in die Berge zurückzukehren, wird aber von der Ankunft der FBI-Agenten daran gehindert. Der wütende Polizist sitzt in Cleary fest. Nur ein Freund, der High-School-Lehrer Wes Hamer, zeigt Verständnis für Dutch und sucht fieberhaft nach einer Möglichkeit, die Eingeschneiten zu befreien.
Während in der Hütte Lilly um ihr Leben fürchtet, Ben Tierney weiterhin seine Unschuld beteuert und es ihm fast gelingt, Lilly davon zu überzeugen, überschlagen sich unten in der Stadt die Ereignisse.
Wes' Teenagersohn Scott rebelliert gegen seinen ehrgeizigen und betrügerischen Vater, die Eltern eines der verschwundenen Mädchens wollen endlich den Täter überführt sehen und stiften einen Lynchmob an, und der langweilig-spießige Apotheker entpuppt sich als der einzige, der Dutch wirklich helfen kann.
Mitten in diesem Chaos ohne Elektrizität und Moral stoßen die eifrigen FBI-Agenten auf Hinweise, die Ben Tierney tatsächlich als "Blue" zu entlarven scheinen. Daraufhin bricht die Hölle los. Bis an die Zähne bewaffnete Bewohner wollen den Berg stürmen und Tierney in Stücke reißen. Das FBI kann den aufgebrachten Mob beruhigen, übersieht aber, dass Wes und Dutch längst mit Gewehren und Schneemobilen auf dem Weg zur Hütte sind - und dass der Mörder zur nächsten Tat ausholt. Nächstes Opfer: Lilly .
In "Eisnacht" trifft eine hoch spannende Handlung auf wunderbar klar gezeichnete Charaktere, die mit ihrer offenen, rauen und lebhaften Sprache dem wahren Leben entsprungen zu sein scheinen. Der Kleinstadtalltag mit all seinen Macken und Gefahren, aber auch dem Zusammenhalt, wird authentisch und faszinierend geschildert, so dass der Leser wirklich eintauchen kann in das Leben der Bewohner von Cleary. Jeder einzelne von ihnen besitzt seine ureigene komplexe Geschichte. Durch die Verzahnung dieser Geschichten mit den Geheimnissen und stillen Übereinkünften der anderen ergibt sich plötzlich ein Gesamtbild, das auch die Taten des Mörders in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Der erzählerische Geniestreich, zwei der Hauptfiguren in einer verschneiten Hütte einzusperren und sie durch knisternde Erotik und nackte Todesangst miteinander zu verbinden, macht dieses Buch zu etwas ganz besonderem. Ein Nerven zerfetzender Showdown bildet den würdigen Abschluss von 500 Seiten Hochspannung. Der Leser bleibt mit rasendem Herzen, pochenden Schläfen und weit aufgerissenen Augen zurück. Erst nach dem Zuschlagen von "Eisnacht" merkt man dann, dass draußen bereits die Vögel zwitschern...
Bianca Reineke
Cuxhaven, Januar 2008