Rezension zu Sandra Browns "Süßer Tod"

Zu nah am Feuer

von Bianca Reineke

Sandra Brown - Süßer Tod

Man ist es ja eigentlich nicht anders von ihr gewohnt: Auch Sandra Browns neuester Roman ist wieder ein Meisterwerk und fasziniert durch die lebendige Atmosphäre, den atemberaubend rasanten Plot und vor allen Dingen durch die außergewöhnlich lebensnahen und komplexen Hauptfiguren.

 

Eine Nacht mit Folgen

Britt Shelley, eine junge, ehrgeizige Journalistin bei einer Zeitung in Charleston, findet sich eines Morgens neben einer Leiche wieder und kann sich an das Geschehen der vorangegangenen Nacht nicht mehr erinnern. Der Tote ist Jay Burgess, ein ehemaliger Kurzlover von Britt und ein beliebter Polizist seines Heimatortes, der vor einigen Jahren durch sein beherztes Verhalten während eines dramatischen Brands im Polizeipräsidium zum umjubelten Helden aufstieg.

Der todkranke Burgess hatte Britt um ein Treffen gebeten, bei dem er sein Gewissen erleichtern wollte. Berufsbedingt neugierig und immer auf der Suche nach einer großen Story willigte sie ein und endete schließlich ohne Gedächtnis neben dem toten Burgess.

Während Britt mit den Nachwirkungen der ominösen Nacht zu kämpfen hat und sich immer sicherer wird, dass man ihr K.O.-Tropfen verabreicht hat, stellt sich heraus, dass Jay nicht an den Folgen seiner Krebserkrankung verstorben ist, sondern ermordet wurde.

 

Von der Jägerin zur Gejagten

Und so wird die eifrige Journalistin, die selbst oft das Jagdfieber packt, wenn es um spannende Stories geht und dabei auch nicht gerade ein zimperliches Verhalten an den Tag legt, zur Gejagten, deren Unschuldsbeteuerungen niemand Glauben schenkt. Denn die Polizei ist gnadenlos, wenn einer der ihren, noch dazu ein waschechter Held, eines unnatürlichen Todes stirbt. Britt gerät schneller als sie dachte in die unerbittlichen Mühlen der Ermittlungen und bekommt zum ersten Mal am eigenen Leib die Macht der negativen Presse zu spüren.

Seite um Seite treibt Sandra Brown ihre Leading Lady langsam aber sicher dem Abgrund entgegen, während ihre Leser einen Ausflug in die tiefe Wildnis der Südstaaten unternehmen, wo ein Mann aus Charleston Zuflucht vor seiner Vergangenheit gefunden hat, aber noch immer seine Wunden leckt.

 

Die Vergangenheit ruht nicht

Raley Gannon, ehemaliger Feuerwehrmann und bester Freund von Jay Burgess, war ebenfalls Teil der rühmlichen Heldengeschichte um den furchtbaren Brand vor sieben Jahren, der vielen Menschen das Leben kostete und vier Männer der Stadt zu Helden machte.

Doch während Jay Burgess und zwei weitere Männer ihre Karrieren auf dieser Ruhmestat aufbauten und ihre schillernde Heldenrüstung niemals ablegten, musste Raley Gannon nach einem Skandal seinen Hut nehmen, seine Verlobte verließ ihn, und eine ganze Stadt strafte ihn mit Häme und Verachtung.

Britt Shelley war damals gerade neu in der Redaktion der örtlichen Zeitung und baute ihre noch junge Karriere auf dem Schicksal Gannons auf, indem sie ihn in ihren Artikeln förmlich in der Luft zerriss und so dazu beitrug, dass sich die öffentliche Meinung gegen ihn wandte.

 

Nächte ohne Erinnerung

Als Gannon in seinem selbst gewählten Exil von Burgess´ Ermordung und der Tatverdächtigen Britt Shelley hört, erkennt er erschreckende Parallelen zu seiner eigenen Geschichte und entführt die verblüffte Britt kurzerhand in seine Hütte.

Auch er wurde nämlich in zeitlicher Nähe zum Brand, den er als leitender Feuerwehrmann untersuchen musste, nach einer Nacht ohne Erinnerung neben einer Leiche wach. Er ist, ebenso wie die Journalistin, fest davon überzeugt, dass ihm jemand K.O.-Tropfen verabreicht hat und er das Opfer einer Intrige wurde.

Damals war Jay Burgess der Gastgeber der wilden Feier gewesen, nach der Gannon morgens neben einem toten Partygirl aufwachte. Nur dank der Unterstützung der guten alten Freunde, zu denen neben Jay Burgess auch die Juristin Candy gehörte, entging Gannon der Strafverfolgung und verlor „nur“ seinen Beruf, seine Würde und seine Verlobte.

Gannon und Britt gleichen die Parallelen ihrer Erlebnisse gegen einander ab und finden dabei einen gemeinsamen Nenner: Jay Burgess. Schnell wird den beiden klar, dass der verheerende Brand im Polizeipräsidium, der vier Männer zu hohen Ehren brachte und andere Menschen das Leben kostete, eine wichtige Rolle spielt.

 

Ungleiche Partner

Schicht um Schicht enthüllen Britt und Gannon die Vergangenheit aller Beteiligten und tauchen dabei immer tiefer in die Geschichte der Brandkatastrophe ein. Mit Entsetzen müssen sie schließlich erkennen, dass hinter dieser großen Tragödie eine noch größere Verschwörung steckt …

Wie die beiden dickköpfigen und widersprüchlichen Persönlichkeiten Britt und Gannon, die gegen ihren Willen zu einer Einheit werden müssen, um ihre Ehre und ihren Kopf zu retten, aneinander geraten, miteinander diskutieren, streiten und gleichzeitig gegen ihre aufkeimenden Gefühle kämpfen, ist Sandra Brown at her best. Die Dialoge fließen geradezu über vor bissiger Ironie und schlagfertigem Witz, aus denen erste Sympathiebezeugungen wie Irrlichter hervorblitzen.

Dass sich aus diesem Bombardement aus Worten, Gesten und Taten eine komplexe, verschlungene und hoch spannende Thrillerhandlung entwickelt, die in der Vergangenheit der Protagonisten gründet und sich erst allmählich verdichtet, zeugt von der Meisterhand der Autorin. Mit unglaublicher Raffinesse deckt Sandra Brown schließlich die egoistische Hinterhältigkeit der Täter auf und lässt die Leser fassungslos in tiefschwarze Seelen blicken.

Dass Menschen aus Karrieregründen über Leichen gehen, erstaunt in der heutigen Welt eigentlich kaum noch. Dass aber auch Freunde und alte Weggefährten eiskalt geopfert werden, wenn berufliche Aufstiegschancen locken, erschreckt bis ins Mark und erscheint doch so realistisch, dass es einem schier die Kehle zuschnürt.

 

Ein Buch mit Tiefe und Hochspannung

Sandra Brown beweist mit „Süsser Tod“ wieder einmal, dass sie die ungekrönte Königin der Spannungsliteratur ist. Der ausgefeilte und geschickt gesponnene Krimiplot voller lebensechter, faszinierender Charaktere findet gepaart mit einer sich langsam entwickelnden, komplizierten Liebesgeschichte seine Vollendung. Hintergrund der Story ist das vor Hitze flimmernde Charleston und eine Atmosphäre der gereizten Trägheit und zänkischen Wut - eine Mischung, die einiges an Explosivität bereit hält.

Mehr als ein Thriller, ein Buch mit Tiefe, Herzschmerz und unglaublicher Hochspannung.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Oktober 2010

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